Kristin (Vivian Olafsdottir) will ihren Bruder befreien. Foto: Juliette Rowland

Pressespiegel
Anita Elsani & Dirk Schweitzer: „Isländer sind die Italiener des Nordens”

Kristin (Vivian Olafsdottir) will ihren Bruder befreien. Foto: Juliette Rowland
Veröffentlicht am 09.03.2023
Pressespiegel: Blickpunkt Film

Für die Verfilmung des Romans „Gletschergrab”, die heute in den Kinos startet, tat sich das Kölner Produzenten-Duo Anita Elsani und Dirk Schweitzer mit der isländischen Sagafilm zusammen. Wie die gemeinschaftliche Arbeit zustande kam und warum die Produktion im Norden extrem war, erzählen die beiden im Interview.

 

Anita Elsani und Dirk Schweitzer sprechen über die gemeinschaftliche Arbeit mit der isländischen Sagafilm und warum die Produktion im Norden extrem war.

 

Frau Elsani, Herr Schweitzer, Thrillerfilme und -serien aus dem hohen Norden scheinen gefragter denn je zu sein. Womit erklären Sie sich den Erfolg dieser Formate?

DIRK SCHWEITZER: Ich glaube, der Deutsche hat ein düsteres Herz. Er mag ja ohnehin Krimis. Es ist erstaunlich, wie sehr Deutsche auf Krimis stehen. Die sind bei manchen Sendern das einzige Format, das überhaupt gefragt ist. Und das können die im Norden eben sehr gut. Die haben gute Buchautoren dort. Und sie scheinen eine Stimmung zu vermitteln, vielleicht auch immer gepaart mit einer schönen Landschaft. Die Kollegen vom ZDF, die darin ja sehr intensiv beteiligt und auch bei „Gletschergrab“ involviert sind, haben mir mal gesagt: Mord unter freiem Himmel funktioniert immer gut bei ihnen. Und da oben im Norden haben sie eine Menge freien Himmel. Und offenbar auch sehr viele Morde. Das scheint auch dort das Genre zu sein, was zieht. Eine genaue Erklärung kann wohl niemand so richtig abgeben. Aber sie treffen damit den Nerv des deutschen Publikums.

 

Das Schnee- und Eissetting tut dann wahrscheinlich sein Übriges.

DIRK SCHWEITZER: Ich muss gestehen, ich bin selbst kein großer Krimifan. Aber wenn in Filmen Schnee und Eis vorkommen, bin ich interessiert. Ich mag den Winter. Vielleicht geht es da vielen anderen auch so. Filme wie "Fargo“, die nur im Schnee und in der Kälte stattfinden, finde ich fantastisch. Frau Elsani sieht das vermutlich etwas anders.

 

ANITA ELSANI: Ich muss zugeben, dass mir die wärmeren Gefilde besser gefallen. Der Ursprung meiner Familie liegt in Südeuropa. In Köln bin ich sehr gut aufgehoben. Mir gefällt eine schöne Schneelandschaft natürlich auch sehr, aber der Dreh in Island war wirklich extrem. Das war der härteste Winter, den die Isländer seit vielen Jahren hatten. Schnee und Regen kommen dort immer von der Seite und nicht von oben, durch den heftigen Wind. Ich glaube, dass es eine enge Verbundenheit zwischen Deutschland und den skandinavischen Ländern gibt, weil es den germanischen Ursprung als Basis gibt. Herz und Seele haben sicherlich etwas damit zu tun.

Dirk Schweitzer - Foto: Guido Marx

Splendid hatte „Dead Snow: Red vs. Dead” schon einen Titel der isländischen Produktionsfirma Sagafilm im Programm, nun also die direkte Co-Produktion. Wie kam es zu dieser Kollaboration?

DIRK SCHWEITZER: Die Zusammenarbeit kam über den Executive Producer Ralph Christians zustande. Er hat selber viele Jahre in Island gelebt und kannte den „Gletschergrab”-Buchautoren Arnaldur Indriðason. Christians hatte die Rechte für das Buch optioniert. Und da ich Ralph schon seit 30 Jahren kenne und wir auch schon einmal einen Film zusammen gemacht haben, kam er irgendwann zu mir damit. Erst wollten wir das Projekt gemeinsam mit Baltasar Kormákur als Co-Produzenten umsetzen. Er war dann aber mit seinen eigenen Serien wie „Katla” zu beschäftigt. Ich wollte es schneller voranbringen, weil sonst auch die Rechte ausgelaufen wären. Ralph hatte auch eine sehr enge Verbindung zu Sagafilm. Und da bei Sagafilm die Beta Film aus Deutschland eingestiegen war, haben wir es mit Saga gemacht. Und dann ging es direkt auf die Überholspur.

 

Sagafilm hatte ja auch schon einige internationale Erfahrungen gesammelt mit hochbudgetierten Hollywoodproduktionen wie „Interstallar“ .

 

DIRK SCHWEITZER: Da gibt es einige amerikanische Unternehmen, die aufgrund des Looks auf Island gedreht haben. „Interstellar”, „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ oder natürlich auch „Game of Thrones“. Sagafilm ist eine der wenigen ortsansässigen Firmen, die solche großen Produktionen als Service-Produzent betreuen können.

 

Hat man den Einschlag von Hollywood bei der Zusammenarbeit gemerkt?

DIRK SCHWEITZER: Die Kollegen haben schon eine andere Produktionsweise. Damit habe ich mich weniger schwer getan als Anita, die eine sehr deutsche Produzentin und sehr gut organisiert ist. Die Isländer haben da eher eine etwas – lassen Sie es mich positiv sagen – „offenere Art“ zu planen. Aber das ist auch erklärbar: Da herrscht jeden Tag ein völlig anderes Wetter. Manchmal muss man innerhalb von Stunden umdisponieren.

Sonst wären die Drehtage natürlich auch verloren.

DIRK SCHWEITZER: Genau. Die müssen sich dort bis zur letzten Minute flexibel halten. Was man hier in dieser Form nicht so kennt. Dadurch wird dort ganz anders an die Dinge herangegangen. Da muss man sich erst einmal dran gewöhnen. Aber am Ende hat das super geklappt. Ich fand es ganz schön, diese beiden Mentalitäten zu beobachten.

ANITA ELSANI: Unsere Co-Produzentin aus Island hat mal gesagt: Wir sind die Italiener des Nordens. Ich denke, das trifft es ganz gut. Nicht nur die Arbeitsstruktur unterscheidet sich, sondern auch die Form der Kommunikation. Wir hatten ein gemischtes Team, dabei kam die Technik inkl. Team und Maskenbild aus Deutschland. Das Wetter und die Strukturen waren eine große Herausforderung für uns. Am Ende war ich auch froh, dass wir kein größeres deutsches Team dort hatten, weil das einfach ein anderes System ist. Die Basis, wie Leute dort beschäftigt werden, ist eine ganz andere. Jeder ist da ein Rechnungssteller, also eigenverantwortlich. Es gibt keine wirkliche Arbeitgeberverantwortung.

DIRK SCHWEITZER: Wir mussten den Isländern erst einmal erklären, was eine Berufsgenossenschaft überhaupt ist. Natürlich achten unsere Leute darauf, dass vor Ort keine Gefahrensituationen entstehen – besonders auf dem Gletscher. Wenn man dann plötzlich in der 13. Stunde im Schnee ist und man hat den ganzen Tag gefroren, hofft man nur, dass man am nächsten Tag nicht krank ist. Da gehen die dort ganz locker mit um, weil sie es kennen.

 

Wie lange haben Sie auf Island gedreht?

DIRK SCHWEITZER: Insgesamt haben wir 40 Tage gedreht, davon 30 auf Island.

ANITA ELSANI: Und teilweise ist uns aufgrund des harten Winters Equipment verloren gegangen, weil es zugeschneit wurde. Zum Glück waren das keine teuren Dinge. Die Infrastruktur ist stark limitiert. Wenn nur zwei oder drei Produktionen auf der Insel sind, ist da viel los.

Plant man einen gewissen Schwund bei diesen Gegebenheiten im Vorfeld schon mit ein?

ANITA ELSANI: Man plant so etwas mit ein, aber in dieser Größenordnung hatten wir solche Verluste und Überstunden selten. Das war schon außergewöhnlich. Aber es war und ist auch ein sehr ambitioniertes Projekt. Das Production Value ist schon hoch gemessen an dem Budget.

DIRK SCHWEITZER: Fast das gesamte Kameraequipment und Grip kamen aus Deutschland. Alles wurde mit dem Schiff und Lkw nach Island gebracht. Die Lkw sind natürlich ausgerüstet für das Kameraequipment, aber nicht unbedingt für die Wetterverhältnisse auf Island. An einem Tag war der Wind so stark, dass er zwei Lkw auf dem Eis einfach ineinandergeblasen hat.

ANITA ELSANI: Die Isländer haben Lkw mit Spikes auf den Reifen, was in Deutschland verboten ist. Wir hatten zwar Schneeketten, aber das hat nicht immer gereicht. Es war abenteuerlich. Uns wurde auch im Vorfeld gesagt, dass wir Vitamin D mitbringen sollen, um unseren Haushalt aufrechtzuerhalten. Denn die Sonne hat zur Produktionszeit kaum geschienen.

Was konnten Sie – außer diesen Learnings in Bezug auf die Witterungsverhältnisse – aus der Co-Produktion mitnehmen? Und andersherum: Was konnten sich die Isländer vielleicht von deutschen Produktionen für die Zukunft abgucken?

ANITA ELSANI: Der Dreh in Deutschland lief dafür umso reibungsloser ab. Natürlich waren die Umstände hier nicht so schwierig wie in Island. Die Isländer können sich anpassen, wenn es sein muss. Gemeinsam haben wir einen Plan aufgestellt, damit inhaltlich alles abgedeckt wird, aber in dem Rahmen, der zur Verfügung steht.

DIRK SCHWEITZER: Man hat auf jeden Fall voneinander gelernt. Die Isländer haben danach für eine weitere Produktion in Deutschland Filmschaffende angefragt, weil sie von unserem Team so begeistert waren. Aber ich denke, dass trotzdem jedes Team bei seinen eigenen Arbeitsweisen bleiben wird.

Was muss man denn seitens der deutschen Produktionsfirmen noch unternehmen, um den Standort Island und Co-Produktionen auch hierzulande anderen Unternehmen schmackhaft zu machen? Oder ist in der Hinsicht schon genug passiert?

DIRK SCHWEITZER: Island ist schon entdeckt worden. Es gibt eine komplette Krimi-Reihe, die dort spielt.

ANITA ELSANI: Das ZDF hat „Trapped – Gefangen in Island” produziert.

DIRK SCHWEITZER: Es sind schon viele dort unterwegs, weil die Amerikaner die Insel für sich entdeckt haben. Aber das Serien-Remake von „Fräulein Smillas Gespür für Schnee” wird nun doch nicht in Island produziert, weil es zu teuer war. Island ist aktuell unheimlich angesagt als Reiseziel. Alle Welt will momentan dorthin.

 

ANITA ELSANI: Aufgrund unserer Produktionserfahrungen in Island kommen immer mehr Anfragen. Dass in Deutschland originär entwickelte Projekte nach Island gehen, war immer selten. Meistens kommen die entwickelten Island-Stoffe auch von dort und dann wird hier ein deutscher Co-Produzent gesucht. Bei „Gletschergrab” fand der Ursprung des Projekts in Deutschland statt. Und dass es dann diesen Weg genommen hat, ist schon sehr ungewöhnlich.

Warum haben Sie nicht einfach alles im Studio gedreht, sondern vor Ort?

DIRK SCHWEITZER: Wir hatten ursprünglich eingeplant, einiges vor den LED-Screens zu drehen. Den Gletscher ersetzt am Ende aber so schnell nichts. Die Bilder, die wir da gedreht haben, hätte man mit LED-Screens nicht hinbekommen.

ANITA ELSANI: Unser Team in Deutschland hat in den MMC-Studios in Köln ein riesiges Flugzeug gebaut, eine Transall. Das war eine kreative und logistische Herausforderung. Besonders die Anschlüsse zwischen Flugzeuginnenraum und Gletscher hinzubekommen. Das hat aber alles sehr gut geklappt.

DIRK SCHWEITZER: Eine Szene in einem Privatjet haben wir sogar in Köln im Pop-Up Museum gedreht. Die hatten als Kulisse ein Fragment von einem Jet in ihren Räumen. Hätten wir einen Jet angemietet, wäre es viel zu teuer geworden.

 

 

Wotan Wilke Möhring ist als deutscher Schauspieler dabei. Warum fiel die Wahl auf ihn?

DIRK SCHWEITZER: Es gab ein paar Figuren wie die des Simon, die nicht viel sprechen und bei denen nicht klar ist, wo sie herkommen. Also eine ideale Rolle für einen Deutschen. Ich habe dann einen ehemaligen RTL-Kollegen getroffen, der lange Zeit Wotans Nachbar war. Er hat ihn angeschrieben, und ich glaube, es hat keine zehn Minuten gedauert, bis Wotan nach dem Drehbuch gefragt hat. Nach der Lektüre war er sofort dabei. Und wenn es noch einen zweiten Teil geben sollte, möchte er wieder mitmachen.

Für eine Fortsetzung gibt es aber noch keine konkreten Pläne?

DIRK SCHWEITZER: Der Romanautor war bei der Premiere in Island und war vom Film hellauf begeistert. Das ist ein seltenes Phänomen. Und er hat angeboten, dass er sich für den zweiten Teil eine Geschichte überlegt. Denn als Buch gibt es keine Fortsetzung. Und das Ende des Buches ist auch ein anderes als im Film. Natürlich hängt ein weiterer Teil auch von der Finanzierung und Förderung ab. Die Fernsehsender sind direkt aufgesprungen. Das ZDF war begeistert, Sky ebenso. Wir müssen jetzt schauen, ob „Gletschergrab” im Kino angenommen wird. Wir haben natürlich die Hoffnung, dass wir durch den zwar schon etwas älteren, aber in Deutschland gut verkauften Roman den Nerv treffen.

 

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